Montag, 31. Oktober 2011

Helfen!!!

Der Wind bläst mir um die Ohren, um mich herum überall Plastiktüten mit Wasserflaschen, Kartons mit Toilettenpapier, Taschentüchern und Essen, Tüten voll mit Sonnencreme und Moskitoschutzmittel.
Wir fahren vom Stadtteil Silom raus aus der Stadt, immer weiter und weiter. Wir fahren durch das Gebiet Pathum Thani und fahren weiter. Um uns herum werden die Straßen immer menschenleerer, dafür voller mit parkeden Autos am Straßenrand - einige LKW's und Hilfstrucks sind unterwegs. 
Wir erreichen Thanyaburi - um uns herum nur noch Wasser. Die Flüsse sind seit über 5 Tagen über die Ufer getreten, die Strömungen kommen von überall. Die Menschen haben sich zu Fuß, vorsichtig nach sicheren Schritten tastend, mit dem Boot, mit umgebauten Motorrädern und hochgesetzten Pickups auf den Weg gemacht - einige, um das Gebiet auch zu verlassen, andere, um Fische zu fangen oder einfach unterwegs zu sein und wieder andere, um zu der Station zu gelangen, zu der auch wir unterwegs sind - dem Sammelpunkt, bei dem die "Thai Red Cross Society" ihre Hilfgüter ablädt und verteilt bzw. auf andere Laster verteilt.

Am Samstagmorgen gehe ich auf mein Facebook-Profil und lese von einer Lehrein unsere Schule, die sich bei der Thai Red Cross Society engagiert hat und Essen in den Flutgebieten verteilt hat. Mich packt der Ehrgeiz und mein Sozialsinn - ich will auch helfen. Rumsitzen tu ich nun seit einer Woche und mich macht das Warten ganz krank - das Wasser kommt ja eh nicht. Also gehe ich in die Offensive, schreibe sowohl die Lehrerin an und bitte sie um einen Kontakt, also auch das Deutsche Rote Kreuz in der Hoffnung, dass sie einen Kontakt für mich herstellen könne, da man aus der Seite der Thai Red Cross Society (TRCS) nicht schlau wird. Zum Glück antwortet Daniela sehr schnell und ich weiß, wann ich mich wo zu melden habe, um zu helfen. Zum Glück habe ich nicht auf die Antwort vom Roten Kreuz gewartet - die ist heute noch nicht da.
Ich schlage Mona meine Idee vor und sie ist auch gleich dabei. Wir werden also in der folgenden Woche beim Roten Kreuz helfen.
Heute Morgen ist es dann so weit. Um 6 Uhr klingelt mein Wecker. Wir machen uns fertig und fahren mit dem Taxi in die Stadt, da das nicht nur der schnellste, sondern für zwei Personen auch der günstigste Weg ist für diese Entfernung. Wir sollten nichts besonderes mitbringen sagte Daniela - nur Sonnenschutz (den hatte ich schon zu Hause gründlich überall aufgetragen, da die Sonne bereits so früh am Morgen donnerte) und keine Flipflops. Also stehen wir pünktlich kurz vor 8 Uhr vor dem Zentrum der TRCS und sind damit nicht allein. es haben sich gut 30 bis 40 Helfer gefunden, die alle auf einem Truck mitfahren und sich engagieren wollen. 
 Hauptsächlich Thais sind hier und wir müssen uns erst einmal einen Überblick verschaffen, wo wir uns registrieren müssen. Wir stellen fest, dass auch die anderen noch nicht den Eindruck machen, als hätten sie schon irgendetwas getan, außer zu warten und so warten auch wir. Nach einer Weile kommen mehrere uniformierte Damen aus einem der Gebäude mit Listen in der Hand. Das müssen sie sein. Also hin zu ihnen und zuhören was sie zu sagen haben... Da kommt das einzige, dass uns Daniela nicht gesagt hat - die Damen sprechen NUR Thai... Nachdem ich eine Weile versucht habe, aus den Anweisungen schlau zu werden, gebe ich es schließlich auf und versuche, den anderen anzusehen, worum es in dem Redeschwal der einen Dame, aus dem ich immer nur einzelne Zahlen in Zusammenhang mit dem Wort für Personen verstehe - daraus schließe ich, dass es um die Anzahl der Helfer auf einem Truck geht. Auf einmal steigt die Dame immer wieder vier Stellen vor einem Tisch und die anderen Leute reden wild miteinander und bilden Schlangen. Wir reihen uns einfach mal mit ein. ich habe zwei Mädchen entdeckt, die Französinnen zu sein scheinen und reihe mich bei ihnen mit ein, in der Hoffnung, dass sie wissen, was zu tun ist. Nach einigem Hin und Her, wie viele Reihen nun gebildet werden sollen erreicht auch uns die Liste und ehe jemand etwas dagegen sagen kann, schreibe ich mich einfach irgendwo ein und Mona folgt dem Beispiel. Wir sind also drin. Wir haben zwar noch nicht so ganz nen Plan, auf welchem Truck wir nun fahren und wer bei uns in der Gruppe ist, doch wir haben die erste Hürde shconmal gemeistert. Nach uns trudeln noch weiter Grüppchen an Helfern ein, die jedoch mit dem Satz, dass sie voll besetzt seien (der einzige Satz, den ich mal auf Englisch gehört habe) abgewimmelt werden. Morgen gibt es einen neuen Versuch.
Es stellt sich heraus, dass den uniformierten Damen das nicht so ganz recht ist, dass vier ausländische Mädels auf einem Truck allein sind, ohne jemanden, der Thai spricht. Sie sucht also noch ein paar Männer dazu und nach einigem Hin und Her sind wir 9 Personen in unserem Grüppchen auf Truck 4 wie sich herausstellt. Auch wo es hingeht haben wir nun endlich erfahren - Khlong djet (Kanal 7) - das sagt uns nur nicht viel...
Gespannt und etwas ohne Peilung tappeln wir den anderen hinterher, wo auch immer sie hingehen, bis wir endlich einen Truck besteigen. Dieser ist schon voll beladen und wartet nur noch auf die Helfer, die sich darauf ein schnuckeliges Plätzchen für die Fahrt suchen - ja richtig - die sich DARAUF ein schnuckeliges Plätzchen suchen.
hoch auf dem weißen Wagen...
Das ist ein irres Gefühl. Und es macht unglaublich Spaß, bei vollem Fahrtwind über die Autobahn zu düsen und oben drauf in der Sonne zu sitzen. Wir fahren immer weiter und erreichen bald das Gebiet, was wir bis jetzt nur aus den Nachrichten kannten - das Flutgebiet. Dort erwartet uns das volle Ausmaß der Katastrophe - Wasser so weit das Auge reicht und Menschen, die mit ihren kleinen teils selbstgebastelten Booten durch die Strömungen waten. Ein Gefühl steigt in mir hoch, das sich nicht wiedergeben lässt. Ein paar Eindrücke sind in meinem Kopf hängen geblieben...
Man erahnt, wo uns die Reise hinführt - doch diese Ahnung entspricht nicht einmal ansatzweise dem, wo wir dann landen.
Es fährt KEINES dieser Fahrzeuge... Die Standstreifen wurden zu Parkplätzen umfunktioniert.
Die Anspannung wächst...
Wir sind angekommen!
und trotzdem geht es weiter - immer weiter.
Bilder direkt am Rand der Straße - man glaubt seinen Augen nicht...
Die Menschen haben sich was einfallen lassen!
eine umgestürzte Stromleitung
man beachte den Namen des Apartmenthauses im Hintergrund!
teilweise war das Wasser schwarz wie Öl
 Wir biegen auf eine große Brücke. Die Thais in unserem Truck sagen uns, dass in dieser Richtung der besagt Khlong 7 liegt. Wir fahren nicht mehr weit und halten vor einer Art Häuserzeile, vor der wir bereits erwartete werden. Mehrere Duzent Menschen haben sich hier versammelt und wollen auch etwas von den Hilfgütern abhaben. Für uns heißt es jedoch erst einmal warten - wir wissen schließlich nicht, an wen wie viel und überhaupt. Kurze zeit später fährt ein anderer Truck (aber vollbeladen mit Thais) von hinten an unseren Truck heran, sodass beide Rückseiten einander zugerichtet und nur noch wenige Zentimeter auseinander stehen. Auf einmal beginnt ein irres Gewusel in unserem Truck und bevor ich mich versehe bin ich eingereiht in ein Fließband aus Menschen, die Sack für Sack in den anderen Truck wuchten. Wir tropfen über und über - vom Wasser was aus aufgeplatzten Wasserflaschen kommt, die über uns drüber gehoben werden oder vom Schweiß, der uns aufgrund der Anstrengung und der Hitze über die Stirn rinnt ist nicht so ganz auszumachen, aber irgendwie stört es keinen. Wir werden angestachelt schnell zu sein - es wird ein kleiner Wettkampf zwischen der rechten und der linken Seite des Truck losgetreten und ehe wir uns versehen, werden kleine Anfeuerungsrufe laut, immer schneller zu machen. Wir haben unseren Spaß!
Am Ende dürfen Mona, ich und die beiden anderen Mädels Pause machen - es geht an die Reissäcke, die uns viel zu schwer sind. Nun ist Men-Power gefragt und ich kann wieder ein paar Bilder machen.
 
 
Der vollbeladene andere Truck macht sich auf den Weg.
(v.l. Kan, Tek, Phat, Cecile, Marie, Lek, Mona, Joy - das Team aus unserem Truck - wir waren spitze und haben uns super verstanden! Danke für die Hilfe!!!
 Nach der Arbeit ist vor der Arbeit und so dnke ich mir, dass ich erst einmal eine kleine Pause mache und mir das Treiben der anderen ansehe. Dieser Zustand hält nicht lange, da es uns nicht auf den Sitzen hält und wir auch in einem anderen Truck noch mithelfen. Doch ein paar Szenen muss ich noch einfangen - für die Nachwelt.
 
 
 
unser Truck ist leer - was bleibt...
...sind diese beiden Flaschen
 
 Wir krabbeln auf den nächsten Truck und fahren mit unsere Arbeit fort. Während Mona noch kräftig weiterhilft, verschwinde ich kurz in unseren Truck, um weitere Fotos zu machen (die Arbeit ist eh fast fertig). Ich klettere also die steile Leiter an der Seite des Trucks hinauf und werde dabei von den anstehenden Menschen bestaunt. Als ich wieder herunter komme strahlt mich ein Mann an: "Welcome to Thailand. Thank you so much!!!" ich bin gerührt und kann vor Schreck nichts anderes machen als strahlen. Das gefällt den anderen auch. Dies sollte nicht das letzte Mal am heutigen Tag gewesen sein. Ich bin innerlich zufrieden - meine Hilfe wird wirklich benötigt und dankend angenommen. Das ist zehnmal mehr wert als "einfach längere Ferien zu haben", wie sich viele Leute aber leider denken. Den Menschen in die Augen zu sehen, sie strahlend zu beobachten, wie sie ihre Tüten und Pakete in Empfang nehmen, Kinder, die zwischen den Erwachsenen umher laufen, im Wasser spielen, weil sie es nicht anders wissen und noch so unbedarft mit der Situation um gehen, die Herzlichkeit, die einem entgegen gebracht wird - es erwärmt mir das Herz und gibt mir den endgültigen Schub, mich dafür zu entscheiden, diese Arbeit die ganze Woche zu machen.
Nach einiger Zeit erfahren wir, dass wir auf den anderen Truck kommen sollen, es geht wieder zurück - unsere Arbeit ist getan (mehr können wir nicht machen). Doch auch dies verzögert sich noch eine Weile, da wir auf ein paar andere warten müssen, die wo anders hingefahren sind und so verbringen wir die Zeit des Wartens im Schatten und essen etwas zum Mittag.

Der Rückweg ist lang, weil die Sonne auf den Kopf donnert und nun nicht einmal eine Sitzmöglichkeit IM Truck ist, sondern nur noch auf dem Dach des Fahrerhäuschens. Dort drängeln wir uns also alle zusammen, fahren wieder nach Hause, ins Trockene, vorbei an Menschen, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, die jeden Tag mit dem Boot oder irgendwelchen anderen schwimmenden Dingen danach sehen, ob das Wasser schon zurückgegangen ist, die keinen Zugang zu fließendem Wasser oder Strom haben, Kinder, die in der schmutzigen Brühe tauchen und spielen, weil es ihnen Spaß macht und sie dabei nicht an die Konsequenzen denken, Menschen, die mit Stöcken oder anderen Gegenständen im trüben Waasser nach Löchern stochern, damit sie nicht hinein fallen und vorbei an Menschen, die mitten auf der Straße Fische fangen... Wir werden aus den vorbeifahrenden Autos strahlend bewunken und begrüßt. Sie freuen sich, uns hier zu sehen.
 
 Kurz bevor wir aus dem Flutgebiet herausfahren kommt uns eine Kolonne Busse entgegen. Uns sehen viele gespannte Gesichter an - es sind ca. 200 Soldaten, die in diese Region geschickt wurden, um auch zu helfen.
Ich werde auch wiederkommen, sage ich mir!!!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo, mein Schatz!

Das war doch ein rechterfolgreicher Tag. Du hast viel erlebt und dabei auch nochetas Gutes getan. Schön, dass die Menschen die Hilfe so freundlich und ruhig annehmen. Das ist leider nicht überall so. Und ein dankbares Lächeln lässt einen sicher die Mühe und Anstrengung schnell vergessen.

Schlafe gut, morgen wartet wieder ein arbeitsreicher Tag auf dich.

Hdgdl

Papa