Mittwoch, 2. November 2011

Thai Red Cross Society

Es heißt wieder früh aufstehen...Wir kommen am Zentrum der Thai Red Cross Society an und stellen fest, dass diesmal noch mehr ausländische Freiwillige vor Ort sind und auf den Trucks mitfahren wollen.
 
Wir hoffen, dass wir unseren Freund vom Vortag hier wieder antreffen. Wir hatten mit ihm ausgemacht, dass wir uns hier treffen und versuchen, wieder gemeinsam auf einen Transporter zu kommen. Da ist er. Er strahlt uns an und gibt uns nach kurzer Zeit aber zu verstehen, dass eine Aufseherin bereits gesagt hätte, dass aufgrund der vielen Helfer, die auch mitfahren wollen, diejenigen, die zum ersten Mal dabei sind, bevorzugt werden. Es ist also unsicher, ob wir einen Platz bekommen würden. Es gibt ein noch größeres Gewusel als am Vortag und unser Freund hat nach kurzer Zeit das Glück, dass auf einem Truck noch eine männliche Person fehlt (es muss immer eine bestimmte Anzahl an männlichen und auch an Thai sprechenden Leuten auf einem Truck sein, damit die Kommunikation klappt und auch alle Lasten getragen werden können). Wir warten weiter und verfolgen das Hin- und Herschieben von Personen zwischen den Wagen, damit alle gut verteilt sind. Das war's...die letzte Liste wurde ausgefüllt. Wir gehen in Gedanken schon unsere Tagesplanung durch, was wir als erstes machen und dass wir uns dann wohl noch einmal hinlegen würde, da der vorige Tag doch recht anstrengend war, als plötzlich ein westlicher Mann auf uns zu kommt und uns fragt, ob wir schon einen Truck hätten. Sie bräuchten noch eine Frau auf ihrem Truck... Nach kurzem Verhandeln auf Thai wird uns erlaubt, beide auf dem Truck mitzufahren und unverhoffter Dinge sind wir doch wieder dabei.. Wir freuen uns sehr und sind gleich interessiert, wo es diesmal hingeht. Es geht wieder in die Provinz Pathum Thani, doch diesmal noch weiter nördlich in Richtung Ayutthaya - in eine der derzeit am schwersten betroffenen Regionen, in der das Wasser schon seit ungefähr einem Monat steht. Wir machen und also fertig und werden nach einer kurzen Einweisung auf Thai (zum Glück verstehen die meisten der mitfahrenden Männer unseres Trucks Thai) angewiesen, einen Truck mit Wasser zu beladen. Genau 200 Sechser-Pakete mit eineinhalb Liter-Flaschen müssen in den Truck. Das ist diesmal viel weniger als am Montag, doch unsere Aufgabe ist auch eine andere. Am Vortag sind wir zu einem Sammelplatz gefahren und haben dort die vollbeladenen Trucks entladen und die Waren verteilt, doch diesmal werden wir 5 verschiedene Stops anfahren, um dort die Wasserpakete gezielt abzuliefern. Wir brauchen daher nicht ganz so viel - der Truck ist nicht einmal halb gefüllt.
 
Wir machen es uns auf der Ladefläche des Trucks halbwegs bequem und fahren los. Die Fahrt zu unserer Einsatzstelle wird zwischen zwei und drei Stunden dauern - die Sonne brennt. Zum Glück habe ich mich am Morgen mit 50er Sonnencreme vorsichtshalber eingeschmiert. Schon nach kürzester Zeit glüht einem der Kopf und der Schweiß rinnt nur so. Wir verkriechen uns unter der Plane im Truck oder versuchen die Brise des Fahrtwindes zu erhaschen. Unser Team besteht diesmal aus zwei Grüppchen - wir wurden jedoch im Endeffekt auf einem Truck zusammen transportiert. In unserem Grüppchen sind von Anfang an 7 Leute - Mona, Viktor und Danny (zwei Schweden, die bereits seit über 20 Jahren in Thailand leben und nahezu fließend Thai sprechen), Yoann (ein Franzose, der uns mit seiner ganz eigen Art von Humor zum Lachen brachte), David (ein Amerikaner aus der Firma der beiden Schweden), ein Chinese (dessen Namen ich leider vergessen habe) und ich. Die andere Gruppe besteht aus 6 Leuten - 5 Thai-Männer, eine Thai-Dame und Tariq (einem Briten mit dem wir uns sehr gut unterhalten konnten). Der Montag stand voll unter der thailändischen Sprache und der heutige Tag dient der Verbesserung unserer englischen Ausdrucksweise.
Nach einer halben Ewigkeit im rumsenden und schaukelnden Ende des Trucks erreichen wir das Flutgebiet. Das Wasser steht deutlich höher als am Vortag und die Menschen können hier fast nur noch mit Booten unterwegs sein. Wer kein Boot hat, der läuft auf den erhöhten Straßenrändern, sofern sie noch zu erahnen sind oder eben bis zu den Oberschenkeln oder teilweise bis zur Hüfte im Wasser. Das Gebiet gleicht noch viel mehr aneinander gereihten Geisterstädten als gestern. Wohin man sieht, sieht man Wasser, abgetauchte Autos und Menschen, die sich freuen, den Rote Kreuz Truck wiederzusehen.
der grüne Mittelstreifen ist der neue Wohnbereich vieler - unter Planen, in Autos oder auch einfach unter freiem Himmel leben die Menschen hier
 


vor einem Zentrum wird noch verzweifelt versucht, den Wall zu stärken, damit das Wasser nicht eindringt
 

hier ist der Mittelstreifen schon teil der neuen Wasserstraße und wird von der Strömung hin- und hergewogen - das Wasser fließt in Richtung Bangkok
 Bald folgt unser erster Stop und das Ausladen 20 Wasserpakete. Und ab geht es zum nächsten Stop. Die eine Angestellte des Roten Kreuzes gab uns vor der Abfahrt zu verstehen, dass wir von diesen Pakten keine Flasche an andere Menschen geben dürften, die am Straßenrand um Wasser bitten, da sie abgezählt seien. Wir geben daher von unseren eigenen Wasserflaschen, die zur Versorgung des Teams gedacht waren viele ab, da wir im Voraus viel zu viele mitgenommen hatten, um zur Not etwas zum Geben zu haben. Sie freuen sich riesig. Ab und zu halten wir auch an, um ein paar Leute mitzunehmen, die noch einen langen Fußmarsch durch die Fluten hätten und so könne wir ihnen den Marsch etwas verkürzen. Auch ein Mann, der gerade von seinem Fischerausflug mit reichlich Fang zurückkommt, nehmen wir mit.
die Menschen leben auf allen erhöhten Plätzen - vor allem auf den Brücken drängen sich Massen an Pickups, Autos und Menschen
der Wasserpegel sinkt - eine der wenigen guten Nachrichten - doch der Gedanke an die benötigte Hilfe nach der Flut drückt die Stimmung wieder
 
 

ein Bad zur Abkühlung
die Kochstellen sind noch in Betrieb

unser zweiter Stop und auch ich will beim Verladen helfen...
...beim Aussteigen aus dem Truck zieht es mir jedoch auf dem glitschigen Boden die Füße weg und so lande ich mit einem lauten Platsch bis zum Bauch im Wasser sitzend auf dem Hosenboden - na wenigstens habe ich für den Lacher des Tages gesorgt und alle haben ihren Spaß - für mich ist es eine ungeplante Abkühlung, die lange anhält.
Wir setzen unsere Fahrt weiter fort und verladen auf die unterschiedlichsten Arten die Wasserpakete und die Essenssäcke von einem anderen Truck, bis wir nach langer Arbeit den Heimweg antreten und gegen 20:30 Uhr endlich wieder in Bangkok ankommen.


die Strömung ist an manchen Stellen ganz schön stark
Unsere letzte Ladung an diesem Tag. Es ist mal wieder geschafft und alle sind erledigt.
 
 
Mit diesen Bildern endet mein Dienstag und Mona und ich fallen müde nach einem sehr langen Tag ins Bett. Wir beschließen am Mittwoch einen Ruhetag einzulegen, um unseren von der Sonne geröteten Gesichtern eine Pause zu gönnen und unsere Kräfte zu regenerieren. An diesem Abend ahne ich noch nicht, dass es das letzte Mal sein wird, an dem ich mit dem Roten Kreuz in die Flutgebiete fahre.

Ich wache am Mittwochmorgen mal wieder ohne Wecker auf und gucke nach dem Aufstehen in mein E-Mailfach. Eine Mail von kulturweit. Also wie immer, denn in den letzten Tagen habe ich ungefähr alle drei Tage eine Mail von ihnen im Posteingang, wie es mir ginge und ob ich immernoch nicht von den Fluten betroffen sei. Am Dienstagabend bekam ich jedoch eine Mail mit Nachdruck... Sie haben versucht mich telefonisch zu erreichen und ich bekam dies jedoch nicht mit. Ich erinnere mich - einige Tage zuvor hatte ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer - ich habe nicht zurückgerufen. Ich bin beunruhigt, was sie nun vorhaben, schreibe eine E-Mail mit meinem derzeitigen Standort und meinen aktuellen Tätigkeiten, wie gewünscht. Am Mittwochmorgen aber der Schock... In der Mail steht, dass ich mich unbedingt abgesehen von der Mail auch telefonisch melden soll, gern auch per SMS mit einem Rückruf ihrerseits. Ich schreibe an die angegebenen Nummer eine SMS und warte ab. Weiter in der Mail steht zu meinem Entsetzen, dass ich mich bis zu ihrem Rückruf von sämtlichen Gefährungsgebieten fern halten soll und davon absehen soll, mich in den Überschwemmungsgebieten aufzuhalten. Ein Einsatz für das Thailändische Rote Kreuz sowie eine Unterstützung der Hilfsmaßnahmen sei nur in Absprache mit kulturweit und meiner Einsatzstelle möglich. Ich sitze vor meinem Laptop und denke mich tritt ein Pferd. Nun bin ich eine Freiwillige, die eine freiwillige Arbeit verrichten möchte, dies aber nicht darf, weil die Bürokratie in Deutschland beachtet werden muss? Das darf doch nicht wahr sein... Ich bin wie vom Donner gerührt und auch das Telefonat, das am Nachmittag erfolgt, sagt quasi nichts aus - Wie geht es mir? Ist das Wasser schon da? Ist die Schule noch zu? Bleiben sie den Überschwemmungsgebieten fern... Tja und so sitze ich nun wieder hier und warte stumpfsinnig vor mich hin... Das ist doch zum verrückt werden. Ich verstehe die Welt nicht mehr!

Mona und ich haben beschlossen morgen trotzdem zu dem Roten Kreuz Zentrum zu fahren und wenigstens dort vor Ort beim Beladen der Trucks und sonstigen Dingen zu helfen, da auch dort immer viele Freiwillige gebraucht werden - ich kann nicht einfach nur rumsitzen, wenn ich schonmal in einem Gebiet bin, wo meine Hilfe wirklich gebraucht wird!!! Und ich halte mich indirekt auch an die Abmachung - ich halte mich den Überschwemmungsgebieten fern...

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